(m)ein zweiter Blick auf den #edchatde

Dass mich das Thema  Coding: Muss Deutschland programmieren lernen? sehr interessiert zeigt allein schon dieser Blog mit dem ich mich als Verfechter des Programmieren für Alle positioniert habe. Deshalb habe ich natürlich den #EDchatDE am 14.10.2014 mit Interesse verfolgt, war aber am Ende eher enttäuscht und resigniert. Warum? Im Wesentlichen sind es zwei Aspekte:

1. Der Chat zu diesem Thema (mit acht vorgegebenen Fragen, so zu Kulturtechnik Genderfrage, Alter für Einführung, Informatik vs. fächerübergeifend, Informatik für Nerds? Unterstützung durch Unternehmen Informatik an Schulen? Vernetzung) hat (jedenfalls mir) gezeigt, dass dieses Format für einen weiterführenden Gedankenaustausch nicht wirklich geeignet ist. Abgesehen davon, dass ein merkbarer Prozentsatz der Tweets vom Thema ablenkend aus persönlichen Begrüßungen bestand, lassen sich halt mit 140 Zeichen (selbst mit einer Abfolge zusammenhängender Tweets) kaum Gedankengänge ausformulieren. So bleibt es meist bei knackig formulierten Einwürfen. Das kann und soll vielleicht auch provokativ wirken, aber die Provokation verpufft halt, weil sie keinen wirklichen Diskussionsstrang auslöst.
Ich nehme jetzt mal an, dass die Teilnehmenden tweetfoertscham Edchat eher zu den Informierten, eher technikaffinen und im Bereich Medienkomepetenz, Informatik, Bildungstechnolgie aktiven Zeitgenossen gehören. Trotzdem kamen immer wieder sattsam bekannte Meinungen (um nicht zu sagen Vorurteile) hoch, schräge Vergleiche, die konkret wenig weiter helfen.

tweetlogin2. Wer wie ich das Thema seit langem verfolgt,
muss deprimiert sein, wie wenig sich in den letzten 30 Jahren in den Schulen, vor allem aber in den Köpfen der Entscheidungsträger und in der öffentlichen Wahrnehmung getan hat. Nachdem in der Praxis lange genug Informatik bzw. Informatische Grundbildung mit MS-Office-Einführungen gleich gesetzt wurde, sind es heute die sozialen Medien deren Behandlung im schulischen Kontext im Vordergrund stehen (und dann bitte immer mit erhobenem Zeigefinger vor Gefahren warnend!). Ob nun grundlegende informatische Konzepte und Methoden (wie z.B. algorithmische Umsetzung, Zerlegung in Teilprobleme) eine Kulturtechnik darstellen, sei dahingestellt – es werden ja auch sonst nicht alle schulisch fest verankerten Themen/Fächer als Kulturtechniken angesehen; trotzdem werden sie als unabdingbar für das Verstehen und die Teilhabe an kulturellen, sozialen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen der Gesellschaft angesehen. Wenn dann aber momentan vom nächsten radikalen Wandel zu Industrie 4.0 gesprochen wird, wenn dann die baden-württembergische Landesregierung eine Digital-Strategie vorstellt (hach wie originell: Heimat, Hightech, Highspeed), dann gehört dazu verflixt nochmal endlich auch ein Grundverständnis, was technisch dahinter abläuft.

3d-invent-to-learnMit visuellen Programmierumgebungen (wie Scratch, Snap! u.a.), mit sensorbestückten Steuergeräten (wie Arduino, RasperryPi u.a.), mit damit steuerbaren Werkzeugen (Roboter, 3D-Drucker u..a), das alles zu erschwinglichen Preisen und niedrigschwellig einsetzbar (mit erprobten Unterrichtsbeispielen für ab 3-Jährige), sogar lerntheoretisch begründet, dann ist eigentlich alles vorhanden, um endlich flächendeckend loszulegen, statt zum x-ten mal Grundsatzdiskussionen zu führen (lest z.B. mal Invent to Learn und Invent To Learn Guide to 3D Printing in the Classroom).

Ich kann den aktuellen Protagonisten wie André Spang, Torsten Larbig u.v.a. nur Durchhhaltevermögen wünschen, bin aber skeptisch was bildungspolitische Weichenstellungen (man lese nur die Digitale Agenda für Deutschland) und baldige praktische Veränderungen im Bildungswesen betrifft.

Der Chat lief ja wohl als Aktion im Rahmen der Code Week, bei der vom 11. – 17.10.2014 Kinder und Jugendliche in ganz Europa von der EU zum Programmieren aufgerufen sind. Konkret tut sich da Im Vergleich zu anderen Ländern hierzulande nicht allzu viel (gerade mal 60 Aktionen im Vergleich z.B. zu Frankreich mit über 200, Österreich 55):

eventscodeweek

8 Gedanken zu „(m)ein zweiter Blick auf den #edchatde

  1. Lieber Joachim

    Ein interessanter Blogbeitrag! Ich bin völlig auf Deiner Linie und habe im Chat deutlich gemacht, dass ein gewisses Programmierverständis auf alle Fälle in die Schule gehört, je nachdem, was man halt unter „Programmieren“ versteht.

    Ich selber kann leidlich programmieren, habe aber durchaus gewisse (primitive) Programmiererfahrungen. Wenn es auch nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist, so komme ich im Alltag nicht darum herum. In der Abwicklung von IT-Projekten hatte ich verschiedentlich mit Entwickler zu tun und musste ein wenig wissen, was sie machten, sonst hätte ich gar nicht beurteilen können, ob sie auf der Projectline sind oder daneben her laufen.

    In meinen Bemühungen auf dem Gebiet der Komplexität und Systemtheorie entwickle ich dynamische und agentenbasierte Modelle. Dabei komme ich nicht darum herum, ein wenig zu programmieren. Das ist heute in der Tat einfach unumgänglich.

    Ein wenig mathematisches Grundverständnis ist vielleicht Voraussetzung für das Programmieren. Da Mathematik heute nicht nur die kollektive Bedürfnislage nicht mehr trifft, sondern es sogar noch zum guten Ton gehört zuzugeben, dass man nie gut in Mathematik war, ist es verständlich, dass viele Lehrende die Notwendigkeit von Programmieren in der Schule ablehnen, denn sonst müssten sie sich plötzlich noch mit formalen Systemen beschäftigen.

    Und was den EdChatDE betrifft: Ich finde ihn dennoch eine gute Idee (nur die Zeit, 20 – 21 h, ist doof). Es geht ja doch gar nicht darum, tiefschürfende Gedanken zu wälzen. Hauptsache, man bleibt im Gespräch, sieht, wer sich für „e-Learning“ interessiert, kurz: pflegt die Community.Für längere Gedankengänge gibt es – wie Figura zeigt – Blogs oder Dinge wie Martin Lindners Google Community „Digitale Bildung“.

    Und vorstellen tu ich mich im EdChatDE nicht mehr. Du hat völlig recht! Zeitverschwendung! Am Anfang folge ich noch der ersten oder den ersten beiden Fragen, dann bräuchte ich eigentlich keine Fragen mehr, denn die Entwicklung des „Gesprächs“ ergibt sich von alleine.

    Liebe Grüsse,
    Peter

    Es tut mir leid, dass Du vom letzten EdChatDE enttäuscht bist, aber

  2. „Am Heimcomputer sitz ich hier – programier mir die Zukunft hier – Am Heimcomputer sitz ich hier – programier mir die Zukunft hier“ (Kraftwerk, „Heimcomputer“ vom Album „Computerwelt“, KlingKlang, 1981)
    „It’s More Fun to Compute – It’s More Fun to Compute – It’s More Fun to Compute – It’s More Fun to Compute“ (Kraftwerk, „It’s More Fun to Compute“ vom Album „Computerwelt“, KlingKlang, 1981)

    In diesem Jahr bekam die Düsseldorfer Band Kraftwerk als erste deutsche Popband einen Grammy für ihr Lebenswerk. Diese Preisverleihung ist eine Genugtuung für alle, die sich im Laufe der Jahre über die deutsche Presse ärgerten, die Kraftwerk immer wieder in die rechte Ecke schieben wollte. Wirklich Avantgardistisches wird in Deutschland gern verkannt und wenn es dann derart technizistisch herüberkommt, ist im Land, das eigentlich als Inbegriff hochwertiger Ingenieurskunst gilt, merkwürdigerweise der Weg zum Verriss nicht weit.

    Für mich als Mathematiker ist die geschilderte Einstellung bzgl. Kraftwerk isomorph zur typisch (west)deutschen Attitüde, damit zu prahlen, von Mathematik keine Ahnung zu haben. In letzter Konsequenz dieser Attitüde ist die immer häufiger geäußerte Forderung nach einer Abschaffung des Mathematikunterrichts für alle nur logisch. Das Bild vom Mathematiker ist allgemein das des Nerds. So ist man dann selbst der Normale und das eigene Unvermögen als das eigentlich Wahre und Gute qualifiziert. Um dem noch mehr Nachdruck zu verleihen, wird Mathematik generell als nicht kreativ eingestuft. Was fehlt, ist die rechte Ecke. Aber auch da bin ich mir sicher, dürfte es einige „Begründungen“ für eine angeborene, latente Rechtslastigkeit des mathematischen Nerds geben.

    Informatik ist zu großen Teilen Mathematik. Logischerweise ist der Informatiker ebenso Nerd wie sein Kollege der Mathematiker. Bezüglich der Informatik ist es dann sogar noch einfacher, die innewohnende Nichtkreativität dieser Wissenschaft zu beweisen:

    Ein/der Zentrale/r Begriff der Informatik ist der Begriff des Algorithmus. In einem Informatikunterricht lernt man dementsprechend algorithmisches Denken und Arbeiten. Für den Außenstehenden ist damit klar, das hat mit Kreativität nichts zu tun.

    “Algorithmisches Denken ist nützlich und wertvoll, aber es ist nicht das Höchste, wozu der Mensch imstande ist. Es ist nicht schöpferisch, sondern ein Denken zweiter Klasse.“ (Rechenberg, 1994)

    Nun ist es so eine Sache mit der deutschen Sprache. Der Begriff „digitales Lernen“ ist natürlich eigentlich Unfug, denn wir lernen nicht digital, sondern mit Medien, die auf digitaler Kodierung beruhen.

    Ebenso versteht man unter algorithmischem Arbeiten nicht etwa nur die Abarbeitung von Algorithmen. Irgendwoher müssen die Algorithmen ja mal gekommen sein. Der Algorithmenentwurf als wesentlicher Teil algorithmischen Arbeitens ist ein höchst kreativer Prozess: Zu einer Klasse von Problemen wird ein Algorithmus gesucht, der diese Klasse von Problemen löst. Algorithmenentwurf ist also spezielles Problemlösen. Als Wissenschaft liefert die Informatik gleichzeitig einen Kanon an heuristischen Strategien zum Problemlösen, welcher durchaus auf das Lösen von allgemeineren Problemen übertragen werden kann. Informatikunterricht ist also Problemlöseunterricht. Als entsprechende Strategien wären beispielsweise die folgenden zu nennen:
    • Zerlegen eines Problems „Top Down“ in immer kleiner werdende Teilprobleme, bis diese Probleme so elementar geworden sind, um einfach gelöst zu werden.
    • Zusammensetzen der Lösung des Gesamtproblems „Bottom Up“ aus kleineren Teillösungen.
    • Modulares Arbeiten: Generierung wiederverwendbarer Teillösungen, die dann nur noch per Namen als Black Box aufgerufen werden müssen.
    • Teile und Herrsche: Führe eine Problem auf seinen einfachsten Fall zurück.
    • Brute Force: wenn dir nichts anderes einfällt: Generiere alle prinzipiell möglichen 
Fälle und suche den Fall heraus der dein Problem löst.

    
Die Didaktik der Informatik ist gewissermaßen rekursiv in der Informatik enthalten. Informatikunterricht ist damit vor allem Unterricht im Problemlösen und als solcher hinsichtlich der Herausbildung allgemeingeistiger Fähigkeit sehr wertvoll.

    Was hat das mit Programmieren zu tun? Programmieren im engeren Sinne ist die Übersetzung eines bestehenden Algorithmus in eine Sprache, die ein Computer lesen kann. Versteht man Programmieren nur in diesem Sinne, kann man natürlich die Bedeutung des Erlernens einer Programmiersprache aus allgemeinbildender Sicht vernachlässigen. Ein Computerprogramm ist ein Algorithmus, der in einer Programmiersprache geschrieben wurde. Dementsprechend ist Programmieren im eigentlichen Sinne vor allem auch das Entwerfen eines Lösungsalgorithmus und damit zuvorderst Problemlösen.

    Sollten Schüler nun solch ein Problemlösen mittels einer Programmiersprache durchführen oder reicht da nicht irgendeine andere Beschreibung der Lösungsalgorithmen aus? Hier tritt der Computer selbst auf den Plan. Es ist in der Regel so, dass beim Programmieren Fehler gemacht werden. Diese Fehler können syntaktischer als auch semantischer Natur sein. Der Computer gibt mir eine Rückkopplung, ob meine „Lösung“ etwas taugt. Das ist was anderes als wenn diese Rückkopplung vom Lehrer oder von der Klasse kommt. Lehrer: Du hast was falsch gemacht. Computer: macht nichts oder was anderes als ich dachte. Das ist eine andere Nummer: ich hab nur noch nicht weit genug gedacht. Wie an einem Stück Holz schnitzend nähere ich mich der Lösung, dem lauffähigen Programm, das wirklich das macht, was ich wollte. Es ist dann wie in der Hornbachwerbung: „Das habe ich selbst gemacht“. Jeder der einen solchen Prozess hinter sich hat kennt die entsprechenden Glückgefühle, die wir den Schülerinnen und Schülern nicht vorenthalten sollten. Ausreichend sind dafür Rudimente einfacher Programmiersprachen bzw. grafische Programmierumgebungen.

    Für den #EdchatDE würde ich mir wünschen, dass gewisse Grundbegriffe zunächst definiert werden, damit eine sinnvolle Diskussion möglich ist.

  3. Jeder Algorithmus und damit auch jedes Programm kann als Funktion gesehen werden: Zulässigen Eingabedaten werden Ausgabedaten zugeordnet. Interessant ist nun der Zusammenhang, wie sich eine gewisse Änderung der Eingabedaten auf die Änderung der Ausgabedaten auswirkt. Funktionen sind mathematische Objekte. Ein Verständnis für Funktionen im Allgemeinen und im Besonderen die Fähigkeit in zugehörigen Änderungsraten zu denken und zur Lösung sowohl innermathematischer als auch außermathematischer Probleme anzuwenden bezeichnet die Mathematikdidaktik als „funktionales Denken“. Die Herausbildung eines solchen Denkens muss ein wesentliches Ziel eines jeden allgemeinbildenden Mathematikunterrichts sein, der sich wirklich als solcher und nicht als schnöder Rechenunterricht sieht. Das konkrete Generieren funktionaler Zusammenhänge in Form von kleiner Programme, deren Testung und experimenteller Einsatz hat eine reihe von Potenzen zur Herausbildung des oben genannten funktionalen Denkens.
    Der besondere Gewinn eines solchen Denkens sind die potenziellen Möglichkeiten aus untersuchten Zusammenhängen auf neue Zusammenhänge zu schließen. Funktionales Denken ist somit die Elemente der Umwelterschließung und kann zu kreativen Erkenntnissen führen. Praktizierung funktionalen Denkens auf der Ebene der Programmentwicklung und -untersuchung hat einen gewissen enaktiven Charakter, der Voraussetzung für das Begreifen von Zusammenhängen etwa auf symbolischer Ebene ist.

  4. Metaebene (1): Wie hiess es so schön? #edchatDE: Ist ein Chat, der Diskussionen anregt, die an anderer Stelle weiter geführt werden (können) (so der @Tastenspieler) oder auch persönlich, per Mail, über aus der Diskussion inspirierte Blogposts, andere soziale Netzwerke,… (so @david_obst). Aber wenn ich es recht sehe, hat es konkret momentan nur Wenige zum Weiterdiskutieren inspiriert, nämlich uns (@paaddor, @mpunktg, @n770). Oder ist uns was entgangen?

    Metaebene (2): Ergänzung zum Hinweis Kraftwerk: In seinem Bestseller „Bildung. Alles, was man wissen muß“ schreibt Dietrich Schwanitz „[..] so bedauerlich es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.“ Zum Glück hat Ernst Peter Fischer mit „Die andere Bildung“ dagegen gehalten, war aber auflagenmäßig nicht ganz so erfolgreich wie Schwanitz. Vor dem Hintergrund ist Stefan Aufenangers Tweet vielleicht doch nicht mehr lustig …

    Nun Inhaltliches: „Programmieren“ bzw. „Codieren“ ist offensichtlich ein viele abschreckendes Label. Algorithmisches Arbeiten trifft es deutlich besser, bedarf dann aber auch einiger Erläuterungen. Schon, dass es beim Problemlösen mit dem Computer auch darum geht, das Problem in Aufgabe(n) zu wandeln (z.B. durch Zerlegung), denn nur dann sind sie algorithmisierbar. Das lässt sich m.E. praktisch so herunterbrechen, das es auch schon Kindern vermittelbar ist. Klar, es reicht nicht, als Beleg nur Papert, Logo und Konstruktionismus zu sagen; man sollte seine Einlassungen dazu (und die seiner Nachfolger) schon kennen und sich damit auseinandersetzen. Aber ich glaube, diese Arbeiten sind in Deutschland (trotz Scratch u.v.a. Werkzeugen) nach wie vor kaum bekannt.

    Vermutlich bedarf es konkreter curricularer Vorschläge für alle Schulstufen. Ich plädiere für Einstieg in der Grundschule und darauf aufbauenden Vertiefungen und Erweiterungen in den Sekundarstufen. Vielleicht gibt es da aber schon mehr, als mir bekannt ist.

    Immerhin hat diese Diskussion für mich schon mir bisher Unbekanntes zu Tage gefördert:

    – das Plädoyer für ein Fach Digitalkunde
    – die Arbeit von Ludger Humbert u.a. in Wuppertal für Lehramtsstudenten (Durchblicken statt Rumklicken triffts doch ganz gut)
    – bei Jörg Friedrich bekommt es den Namen Digitale Welt und er sieht anderes, was die Kinder über die digitale Welt lernen müssen … und Programmierer auszubilden sei nicht Aufgabe der Schule

    Momentan beschäftigt mich, wie die unterschiedlichen Aspekte, die das Thema nun mal hat, systematisch dargestellt werden können (dann auch mit Einführung und Definition der notwendigen Grundbegriffe) und wie sich daraus Positionen ableiten lassen, die auch in die bildungspolitische Diskussion einzubringen sind …

  5. Ich nehme an, Stefan Aufenangers Tweet will sagen, dass auch Latein so etwas wie logisches Denken fördern kann. Aber in der Diskussion um’s Programmieren in der Schule geht es ja nicht ausschliesslich um die Förderung formalen und logischen Denkens, sondern um die Tatsache, dass Programmieren schlicht notwendig geworden ist (um nicht gleich zu behaupten, es sei eine Kulturtechnik). Wie ich in meinem ersten Kommentar ausgeführt habe, kommt man in manchen Programmen und Apps nicht darum herum, Skripts oder Usersettings zu konfigurieren. Wer mathematische Texte schreibt, sollte von Latex Gebrauch machen können und in Blogs sind einfache HTML-Codes nützlich. Es geht also gar nicht nur um die Frage, ob Programmieren „bildungspolitisch“ relevant ist, sondern um die Feststellung, dass es notwendig ist.

    Dietrich Schwanitz‘ Bemerkung, dass Naturwissenschaften nicht zu Bildung gehören, fordern mich heraus. Was, bitte sehr, gehört denn zur Bildung, wenn nicht naturwissenschaftliche und formalwissenschaftliche Grundlagen? Meint der Anglist Schwanitz wohl, dass Englisch Kern der Bildung ist? Auch wenn möglicherweise „Bildung“ nicht abschliessend definiert werden kann, würde ich sagen, dass alles, was zur menschlichen Kultur gehört, Teil von Bildung sein müsste. Wie kann man Fragen, die die Menschen seit Jahrtausenden (lange bevor es Englisch gab) beschäftigen, einfach als nicht zur Bildung gehörend erklären?

  6. Zum einen wollte ich nur mitteilen, dass ich diese Diskussion auch verfolge, obwohl ich kein aktiver Teilnehmer des #EDchat bin und auch nicht sehr viel von dem Format halte (es geht da imho auch um einen regelmäßigen Treffpunkt mit Gleichgesinnten, um wieder Kraft für die nächsten sechs Tage zu gewinnen). Zum anderen kann ich Michael Gieding absolut zustimmen, der für mich eine sehr schönes Curriculum des Faches „Programmieren“, „Digitale Bildung“ oder „Digitalkunde“ entworfen hat. Ich bin kein großer Freund bei Diskussionen über Feinheiten, so nenne ich hier einmal die Unterscheidungen zwischen den Fächern. Es geht erst einmal grundsätzlich um das Thema und die Platzierung als eigenständiges Fach im Lehrplan.

    Das entscheidende ist die Notwendigkeit und hier kann ich Peter Addor beipflichten, denn quasi jeder braucht in Zukunft die Kompetenz in Informationsstrukturen zu denken. Meine schönen Beispiele aus der Praxis sind hier immer die Outlook Filter Regeln, wenn Sekretariate von Mail-Flut sprechen oder natürlich die Filtereinstellungen in Facebook oder ganz allgemein die Wünsche der Sekretariate, Fachbereiche, Verwaltung oder auch der Didaktik die fast nur aus Ausnahmen und Sonderregeln bestehen, die so nie umgesetzt werden können. Wenn diese Menschen nur etwas SQL oder logische Algebra wüssten, wären Umsetzungen sicherlich dreimal schneller und Verwaltungen um Faktor 10 schneller.

    Alleine aus dem letzten Grund, und jeder wird später einmal mit der IT Abteilung zu tun haben, und braucht diese Fremdsprachen wie LaTEX, HTML, SQL oder auch Boolsche Algebra und ob man das dann Programmieren nennt oder Digitalien ist mir egal. Das sollte der einzelne Lehrer/Dozent entscheiden, denn zum einen wird über Freiheit der Lernräume diskutiert und zum anderen über zu starre Strukturen. Jeder Lehrer fühlt sich eingeengt und wünscht sich Flexibilität und wir machen hier genau das Gegenteil und versuchen das zukünftige Fach genaustens zu definieren, obwohl wir alle das gleiche meinen.

  7. Unser Thema wird auch anderswo diskutiert, so z.B.

    – von Peter Liggemeyer (Präsident der GI): Die digitale Bildung stärken
    – in DIE WELT unter der (wie ich meine irreführenden) Überschrift: Lehrer warnen vor der „totalen Computerisierung“
    – Valerie Strauss zu: Why the ‘coding for all’ movement is more than a boutique reform

    Dieses und etliches mehr sammelte sich bei mir allein in der kurzen Zeit seit dem Ausgangspostings dieses Threads an. Ich überlege daher, daraus zur Dokumentation eine eigene Seite in diesem Blog aufzumachen (ich zögere, es mit einem Wiki zu versuchen). Macht das Sinn, oder gibt es eine vergleichbare Seite sogar schon?

    Der Praxisbezug, den Peter und Andreas nennen, ist sicher wichtig, kann aber leicht zu „Zufallsthemen“ führen. Können wir dafür grundlegende Konzepte benennen, durch deren Vermittlung es gelingt, sich dann gezielt spezielle Themen zu erschließen? Dazu gehören sicher die von Michael genannten Punkte, was aber noch und ist das dann relativ unstrittig unter den beteiligten Akteuren?

    Der GI-Präsident Liggemeyer hat auf Empfehlungen der GI hingewiesen (aus dem Jahr 2000), dem ich in weiten Strecken zustimmen kann, insbesondere dem Einstieg in der Grundschule! Ich befürchte allerdings, dass es den (Informatik-) Fachleuten gelingen wird, wenn es darum geht, konkrete Curricula zu entwickeln, aus einem wichtigen Fach mit spannenden Themen ein abschreckendes Unterrichtsfach zu zimmern. Aber vielleicht verkenne ich als Nicht-Informatiker auch bisherige Bemühungen (weil ich sie nicht oder zuwenig kenne?).

    Wichtig wäre in jedem Fall, das den Lehramtsstudenten verpflichtend nahezubringen (wo passiert das heute – so wie in Wuppertal?) und natürlich die bereits in der Praxis stehenden Lehrenden nachzuqualifizieren. Solche Angebote gibt es doch, wenn überhaupt, in homöopathischen Dosen.

    Also nochmal die Frage, gibt es eine Zusammenstellung bisheriger Arbeiten, Curricula, Unterrichtsmaterialien, Fortbildungen? Lohnt es sich trotz föderalistischem System, so etwas zentral zu erfassen um daraus notwendige Schwerpunktsetzungen ab- und einzuleiten? Könnten wir vielleicht sogar von Aktivitäten anderer lernen (wie den Briten, die CS flächendeckend einführen oder dem MIT, mit all seinen Entwicklungen für frühe Einstiege in die Thematik)?

  8. Hier einmal das funkelnagelneue Curriculum Informatik für Niedersachsen. Mir scheint es ziemlich breit angelegt und interessanterweise umfasst es alle Schulformen.
    http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_informatik_sek_i.pdf

    Was mir aber in letzter zeit vermehrt auffällt, ist die Vermengung, wenn nicht gar Gleichsetzung von „Medienbildung“ mit „Informatik“ in Öffentlichkeit und Politik. Hier müsste gerade in der Schule eine klare Abgrenzung erfolgen.
    (Den #edchatDE zum Coding habe ich übrigens leider verschlafen, ich ärgere mich heute noch darüber!)

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